Dienstag, 24. Februar 2015

Auszug aus: "Die andere Welt"



Auf dem Erdbeerfeld.
Die Stadt liegt im Süden des Landes. Das Land ist hinter einer Mauer. Die Häuser der Stadt werden in einem anderen Land liegen. Später.
Im Norden der Stadt sind Felder. Erdbeeren liegen Ende April zur Ernte bereit. Ich bin mit der Mutter auf dem freien Feld, über uns der Himmel und eine Nachmittagssonne. Die Mutter ist mit einem Mann und seinen zwei Töchtern. Die beiden Mädchen haben vor einigen Jahren ihre Mutter verloren. Ich schaue sie an und sage kein Wort. Mein Bauch schmerzt. Ein unbekanntes Ziehen, das mich auf immer verändern wird, zerreißt jeden Gedanken, jedes Sprechen-wollen. Da ist etwas in mir, dass mich in eine Welt zieht, in der ich im Unterschied leben werde. Zunächst, bis Jahre später … Ich gehe weiter weg von Mutter, Vater und Töchtern auf den Horizont zu.
Eine Welle durchflutet meinen Bauch. Eine warme Masse bewegt sich aus mir heraus und gleitet über meine dünnen Schenkel. Ich gehöre meinem Körper. Mein Körper tut was er will. Ich höre besser auf meinen Körper. Ich sehe glühende Lavaströme vor mir. Ich habe keine Worte für das, was mich bewegt. Ich stehe auf der Erde, Erdbeeren leuchten knallrot. Dieser Schmerz im Bauch ist nicht meiner allein. Er gehört meinen unbekannten Schwestern. Wissen wie Stimmen steigen in mir auf, aus dem Erdreich kommend. In meinen Adern fließt das Blut einer Frau. Ab jetzt werde ich unwiederbringlich verändert werden. Die Kindheit ist vorbei. Ich werde tiefer blicken als zuvor. Und ich weiß ohne zu wissen: Meine Träume sind ihre Träume. Ich bin allein auf dem Feld, aber nicht allein mit meinen Träumen. Ein Mädchen tut das nicht, höre ich die Stimmen sagen. Diese Stimmen kommen aus der Luft. Was tut ein Mädchen nicht?, höre ich mich fragen. Ein Mädchen stellt keine Fragen. Der Himmel legt sein blaues Gesicht über mich. Wieso tut ihr euch das an? Schreie ich stumm zur Mutter und dem Vater. Die Mädchen füllen Körbe mit Erdbeeren.

Sonntag, 22. Februar 2015