Samstag, 20. Dezember 2014

Poetische Fundstücke

INSEL.
GLOCKENGELÄUT. EINE ALTE
INSEL UND KEIN
FLUGPLATZ KEIN HAFEN.
DOCH NAHE DOCH NAHE



GEWITTER.
DIE LAGUNE ERLOSCHEN. DIE
KALTEN BOEN.
WELLENGEKRÄUSEL.
FAHL.
UND REGEN UND REGEN.


KUNO RAEBER

Freitag, 19. Dezember 2014

Nichts mehr.



ES GIBT NICHTS MEHR. NOCH IST ALLES DA UND ES IST NICHTS.
Es gibt keine Straßen mehr, wo wir uns begegnen. Es gibt überall Menschen und überall lauter Niemande, es gibt keine Dörfer mehr, es gibt Ballungszentren, es gibt keine Wege mehr, es gibt Autobahnen, Städte verschwinden vom Erdboden, sie wachsen hoch, vermauern den Horizont, es gibt keine Öffnungen mehr zum Meer hin, zur Stadt, zum Wald, es gibt keinen Ausweg, keinen Fluchtweg, alle Türen verschließen sich aus Angst, Angst vor der Politik, Angst vor der Atomkraft, Angst vor Plünderungen, vor Gewalt, Messern, vor dem Tod, die Angst vor dem Tod bestimmt das Leben, die Angst vor der Nahrung, vor den Straßen, vor den Ferien, die Angst vor den Staatsmännern und den Übeltätern, Angst vor Polizei wie Angst vor Staatsmännern wie Angst vor Übeltätern, nicht mehr wissen wohin man soll, was mit sich anfangen, wohin sich wenden, ein Auto hält die Stellung für 6 bis 7 Menschen, unsere automobile Bevölkerung zählt Milliarden Subjekte, sie steigt im unaufhaltsamen Rhythmus, eine neue Absurdität lässt sich nieder, sie verbreitet sich vor unseren Augen, sie ist da, da draußen, vor uns, hinter uns, um uns herum, man kann sagen, sie wird vom Menschen nicht geheim gehalten, doch ist sie von solch göttlicher Kraft, dass ihre Offensichtlichkeit undurchschaubar scheint, die Grenzen sind unbeweglich, keine Bevölkerungsbewegungen, auch wenn sich alle bewegen in jede Himmelsrichtung, es gibt strategische Bewegungen, Reisende gibt es, es gibt keinen Auseinandersetzungen mehr, es gibt Kriege, es gibt sehr wenige Dinge, sehr sehr wenige Dinge von Wert, es gibt den Abbau von Neuigkeiten, und der Abbau von der Simultanität des Selbst mit der Welt wird immer spürbarer, manchmal, das stimmt, ändert man sich, das ist jedoch sehr selten und übrigens weiß man auch nicht wodurch, wegen Waschmaschinen, ja, die Leute wissen nicht mehr wovon sie Zeitgenossen sind, und das in ihrer eigenen Nation, es bleibt ihnen Fußball, Rock’n Roll, Kino, das unendliche Warten, sie gehen ins Kino, um die im Film eingeschlossene Angst zu sehen, sie haben, für die Meisten gilt dies, das andere Ende ihres Lebens verloren, das sogenannte persönliche und einsame Abenteuer, alles ist verkehrtherum, Alte lesen Comics mitten unter Drogenabhängigen, Taschendieben, finanzkräftigen Religionen, neuen Philosophien, man sieht keine Liebe mehr, man sieht die Befreiung der Sitten, es ist sehr sehr langweilig, doch sicherlich notwendig, wer weiß, die großen Ehebrüche am Anfang unseres Lebens sieht man nicht mehr, diese Dramen, diese Tragödien, diese Wirbelstürme, die über die Leben ziehen und gehen, die kahl scheren, davonfegen. Jetzt schaust du, nichts mehr davon da, überall die Freundlichkeit, ja, das ist es, das Verständnis, überall, und da sieh, das Benzin, kein Benzin mehr, es ist teuer wie Champagner, Champagner genauso teuer wie das Auto, vom Haus wollen wir gar nicht reden, es ist genauso teuer wie der ganze andere Kram. Also, was kannst du da tun, du? Alles ist anders, und dennoch ist der ganze Kram da, du brauchst nur hinschauen, und verstehst du, das, was es gibt, gibt es, weil es alles gibt, am Ende gibt es nichts mehr, obwohl wie ich dir sage, alles ist noch da, vorher war es besser, ja, es war anders alles anders herum, es war logischer, es gab nichts, doch gab es alles, weil es nur das gab.

Mo Haver. Freie Übersetzung nach M. Duras. Il n'y plus rien. Aus: Les yeux verts.